Der 5. Nationale Strahlenschutztag in der Medizin fand am 12. September 2022 dem Beginn der Aktionswoche Patient:innensicherheit in Bern statt. Er stand unter dem Thema «Medizinische Strahlenereignisse und Patientensicherheit».
Seine Zielgruppe waren Fachärztinnen und -ärzte für Radiologie, Radioonkologie und Nuklearmedizin, Medizinphysikerinnen und -physiker, Radiologiefachpersonen und Mitarbeitende aus den Bereichen Qualitäts- und Risikomanagement mit der Bedingung, dass sie über Kompetenzen und Ressourcen verfügen, um in ihren Betrieben Projekte zur Stärkung der Patient:innensicherheit zu planen und durchzuführen. In diesem Sinne wurde der Strahlenschutztag 2022 als «Call for action» veranstaltet.
Medizinische Strahlenereignisse werden nicht allein als Strahlenschutzproblem betrachtet. Ihre Ursachen sind oft in den zugrundeliegenden Strukturen und Prozessen verborgen. Deshalb werden medizinische Strahlenereignisse als ein Problem der Patient:innensicherheit und der Versorgungsqualität interpretiert. Die Bemühungen um eine Stärkung der Patient:innensicherheit und der Versorgungsqualität sind in verschiedene Strategien und Aktionspläne eingebettet. Diese sind:
- WHO Global Patient Safety Action Plan 2021–2030
- Gesundheitspolitische Strategie des Bundesrats 2020-2030 («Gesundheit2030»)
- Strategie zur Qualitätsentwicklung in der Krankenversicherung («Qualitätsstrategie KVG»)
Die Veranstaltung war in zwei thematische Teile gegliedert. Am Vormittag wurden medizinische Strahlenereignisse in einen interdisziplinären Kontext gestellt, der Nachmittag war praktischen Aspekten im Umgang mit medizinischen Strahlenereignissen gewidmet.
Dr. Emilie van Deventer von der Weltgesundheitsorganisation WHO stellte den Globalen Aktionsplan für Patientensicherheit 2021–2030 vor. Er umfasst sieben strategische Ziele mit verschiedenen Handlungsfeldern und ruft alle Akteure im Gesundheitswesen zur Mitarbeit auf: Spitäler und Institutionen genauso wie Behörden, Patientinnen, Patienten und Angehörige.
Das BAG stellte kurz die neue Wegleitung zum medizinischen Strahlenereignis vor. Damit wurde der Hinweis verbunden, dass Patient:innensicherheit auch in den Vierjahreszielen des Bundesrats zur Qualitätsentwicklung in der Krankenversicherung eine Rolle spielt. Die Eidgenössische Qualitätskommission EQK kann dementsprechend Projekte auf ein Gesuch hin finanziell unterstützen.
Martin Wyler, ehemaliger Airline-Captain und «Safety Pilot for Executives», führte mit seinem Vortrag in die Systematik der «Just Culture» – eines der Vierjahresziele des Bundesrats für den Zeitraum 2022–2024 – ein. «Just Culture» wird nicht nur von einer offenen Fehlerkultur getragen. Sie muss mit einer gelebten Sicherheitskultur einhergehen und von der Führung initiiert, implementiert, gefördert und unterstützt werden.
Das Thema Sicherheitskultur wurde im Beitrag von Erika Ziltener, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen sQmh, aufgegriffen. Hier wurde die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit und Verantwortung für eine erfolgreiche Sicherheitskultur betont.
Prof. Rouven Porz vom Inselspital Bern zeigte die Unterschiede zwischen Recht und Ethik («dürfen» und «sollen») auf. Anhand der Wegleitung zu Definition und Pflichten im Zusammenhang mit medizinischen Strahlenereignissen erklärte er, wie viele ethische Implikationen darin enthalten sind und wie die klinische Medizinethik im Strahlenschutz unterstützen kann.
Während des Mittagessens konnten reger Austausch und Diskussionen beobachtet werden, bevor am Nachmittag über die praktischen Aspekte gesprochen wurde.
Helmut Paula, Leiter CIRRNET bei der Stiftung Patientensicherheit Schweiz, stellte wichtige Aspekte der Analyse und Nachbearbeitung medizinischer Strahlenereignisse vor. Damit sollen Schwachstellen im Prozess unter Berücksichtigung verketteter Abläufe so korrigiert werden, dass ein weiteres Ereignis vermieden werden kann, ohne das Zusammenspiel von Abläufen zu stören oder zu unterbrechen.
Im Anschluss berichtete die Projektleiterin Carine Galli Marxer, wie die Durchführung der klinischen Audits in Radiologie, Radioonkologie, Nuklearmedizin und Kardiologie zu einer besseren Versorgungsqualität beitragen kann.
Zum Abschluss des Tages gab es zwei Beispiele von Projekten, die in Spitälern bereits durchgeführt wurden.
Ermidio Rezzonico, Leiter der Radiologiefachpersonen des Istituto Imaging della Svizzera Italiana IIMSI, berichtete über die Idee, Realisierung und Umsetzung des Projekts RISGO – ein Akronym, gebildet aus den Begriffen RIS und GO. Dieses Projekt fokussiert die internen Abläufe bezüglich Zuweisung, Identifikation, Rechtfertigung und Optimierung im interdisziplinären Team der Radiologie. Medizinische Strahlenereignisse sollen so vermieden und ungerechtfertigte oder unangemessene Untersuchungen verhindert werden.
Dr. Björn Stinn, ärztlicher Leiter des Netzwerks Radiologie St. Gallen, beschrieb die Entwicklung des Netzwerks. Er erläuterte die standardisierten Prozesse, die im ganzen Netzwerk gelten. Die Mitarbeitenden des Servicecenters, Ärztinnen und Ärzte, Radiologiefachpersonen, Patienten-Coaches nutzen und perfektionieren die Abläufe, um medizinische Strahlenereignisse zu vermeiden oder im Ereignisfall einheitlich zu managen.
Im Lauf der Veranstaltung wurde klar: Wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler. Eine positive Fehlerkultur, eine gelebte Sicherheitskultur, offene Kommunikation, standardisierte Prozesse, interprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind unabdingbare Faktoren, um die Patient:innensicherheit zu fördern. Gute, strukturierte Abläufe und optimierte Prozesse können das Zustandekommen unerwünschter Ereignisse in der Patient:innenversorgung verhindern bzw. bei einem Zustandekommen die Schwere der Folgen minimieren. Je weniger unerwünschte Ereignisse sich zutragen, umso besser sind die Qualität und die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Zusätzlich werden damit auch Stresssituationen der Mitarbeitenden reduziert; Patient:innensicherheit und Mitarbeitendensicherheit gehen Hand in Hand.
Dieser Artikel wurde ursprünglich in der ASTRM aktuell, Ausgabe 6/2022, veröffentlicht. Autorin: Jeanne Berg, BAG

