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Fortbildung 1. LIVE-WEBINAR der Fachstelle für Nuklearmedizin, 24. Oktober 2020

By 4 Dezember 2024Dezember 18th, 2024No Comments

High End or No End?

Die Fortbildung der Fachstelle Nuklearmedizin musste Corona-bedingt von der herkömmlichen Präsenzveranstaltung zum Webinar umgestaltet werden. Zum ursprünglich geplanten Termin am 24. Oktober 2020 profitierten die Teilnehmer von vier interessanten Vorträgen zu wichtigen Themen unseres Berufsfeldes. Nach fast anderthalb Jahrzehnten Erfahrung erwies sich die Planung der Fortbildung der Fachstelle Nuklearmedizin als eine gut organisierte und routinierte Aufgabe der Fachstellenmitglieder. Wie jedes Jahr trafen wir uns im Januar 2020, um die vergangene Veranstaltung auszuwerten sowie die Themen und Referenten für die folgende festzulegen. Alles ging seinen gewohnten Gang wie die Jahre zuvor. Die Sponsoren waren mit an Bord, die Referenten hatten zugesagt und wir richteten uns mental auf die Sommer- und Urlaubszeit ein, als wir im Juli jäh in die Wirklichkeit zurückgeholt wurden: Die erste Absage traf bei uns ein. Der Veranstaltungsort war von einem Tag zum anderen storniert worden. Nach kurzer Neuorientierung wurde ein anderer Veranstaltungsort gefunden. Alles wurde umgeplant und die Referenten, Sponsoren und Teilnehmer entsprechend informiert. Dann folgte die zweite Absage, jene der Präsenzveranstaltung, lediglich ein paar Wochen vor dem großen Termin. In Windeseile mussten wir zum dritten Mal neu organisieren. Um die Fortbildung überhaupt durchführen zu können, blieb nur noch die Möglichkeit eines Webinars. Zum großen Glück für uns wagten die Referenten, Teilnehmer und Sponsoren mit uns dieses Experiment, sodass wir unserem Publikum einmal mehr ein buntes Programm aus der Welt der Nuklearmedizin bieten konnten, in der das Thema Strahlenschutz neben den klassischen nuklearmedizinischen Themen traditionell einen festen Stellenwert einnimmt.

Neues System zur Hirndiagnostik vorgestellt

Es hat sich im Laufe der Jahre eine gewisse Tradition entwickelt, dass an unserer Fortbildung vielversprechende Forschungsprojekte aus der Nuklearmedizin vorgestellt werden. Diesmal präsentierten Dr. Max Ahnen und Dr. Jannis Fischer, die Firmengründer der Positrigo AG, Zürich, ein aktuelles Projekt zur Hirndiagnostik, welches einige neue Perspektiven im Patienteneinsatz verspricht: Bei dieser Behandlung sitzt der Patient in einer Art Sessel. Das eigentliche Detektionssystem besteht aus einem klassischen Detektorring, der dem Patienten auf den Kopf gesetzt wird. Auf einen Computertomographen zur Berechnung der Schwächungskorrektur kann bekanntlich bei Schädelaufnahmen verzichtet werden. Die Aufnahmezeit soll 15 Minuten betragen. Der klinische Einsatz ist für 2022 geplant. Weiterentwicklungen wie z. B. Time of Flight sind bereits im Gange. Der PET-Scanner selbst ist von Beginn an als separates System speziell auf die Fragestellung Hirn-PET konzipiert worden, was eine Entlastung des bestehenden PET-CTs mit sich bringen kann, bei einem sehr attraktiven Anschaffungspreis von ca. zehn Prozent eines herkömmlichen Komplettsystems. Das wirklich Interessante an diesem Projekt ist nicht nur das System an sich, sondern die Tatsache, dass bereits während dessen Entwicklungsphase Kollegen des PET-Zentrums des UniversitätsSpitals Zürich (USZ) eine tragende Rolle einnahmen. Sie testeten das System ausgiebig auf Praktikabilität, Patientenkomfort, Bedienbarkeit, Mobilität usw. Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse im Studienalltag flossen direkt in die Verbesserung des Gerätes mit ein. Ein wundervolles Beispiel der Vielseitigkeit, welche unser Berufsfeld ausmachen kann.

Allergisch auf Kontrastmittel?

Normalerweise geht immer etwas Zeit ins Land, bevor ein Thema wie z. B. das der Kontrastmittel wieder in den Fokus rückt. Nach dem im letzten Jahr gehaltenen Vortrag über die Grundlagen der Kontrastmittel blieben noch zahlreiche Fragen offen, sodass wir dem Wunsch der Teilnehmer entsprachen, dieses für uns immer wichtiger werdende Thema nochmals vertiefend zu behandeln. Dr. med. Thomas Omnino Medico, hat sich dafür erfreulicherweise erneut zur Verfügung gestellt. Studien belegen, dass echte allergische Reaktionen auf Kontrastmittel selten sind. Die Aufmerksamkeit sollte daher mehr auf die pseudoallergischen oder Hypersensitivitätsreaktionen gelegt werden. Diese treten zwischen einer Stunde und bis zu sieben Tagen nach Kontrastmittelgabe unabhängig von der verabreichten Dosis auf und sind eher unspezifischer Natur. Kontrastmittel können als körperfremd erkannt werden und eine unspezifische Immunreaktion auslösen, indem es zu einer erhöhten Histaminausschüttung kommt. Das Problem ist, dass diese Reaktionen nicht von den echten allergischen Reaktionen zu unterscheiden sind. Bei Asthmatikern oder Allergikern werden Histamine schneller und leichter freigesetzt, sodass es zu einer wesentlich schnelleren Reaktion kommen kann. Die vorbeugende Gabe von Antihistaminen kann den Hypersensitivitätsreaktionen entgegenwirken. Besser wäre es aber, bei einer zweiten Untersuchung ein anderes Kontrastmittel zu wählen, da Patienten dann – wenn überhaupt – auf die Hilfsstoffe reagieren und nicht auf das eigentliche Kontrastmittel.

Radiojodtherapie

Die klassische Radiojodtherapie erfuhr in den letzten Jahren große Veränderungen. Zwar blieb sie im Ganzen erhalten, bekam jedoch in den Schilddrüsenbehandlungen einen anderen Stellenwert. Wie auch in weiteren Bereichen erfolgt eine Therapie, mit Ausnahme der Hypothyreose, als interdisziplinäre Entscheidung verschiedener Kompetenzbereiche, wie Dr. med. Thomas Clerici vom Kantonsspital St. Gallen uns eindrucksvoll beschrieben hat. Die Form der Entscheidungsfindung soll bei geringerer Nebenwirkung eine bessere Behandlung gewährleisten, die optimal an die Krankheitsgeschichte des Patienten angepasst ist. Bei der Patientenaufklärung sind dann alle Bereiche persönlich anwesend, um sämtliche Aspekte der verschiedenen Behandlungsmethoden sowie die optimale Strategie mit dem Patienten zu besprechen. Circa 40 Prozent der Schilddrüsenerkrankungen werden operiert, wobei besonders bei großen Schilddrüsenkarzinomen das Rezidivrisiko, bei alleiniger Therapie, relativ hoch ist. In diesen Fällen kann eine adjuvante Radiojodtherapie angezeigt sein. Dabei gilt: Je größer der Schilddrüsentumor ist, desto weniger kommt eine Radiojodtherapie als Primärbehandlung infrage. Vielmehr steht die Reduzierung der Tumorlast, mit anschließender nuklearmedizinischer Therapie, im Vordergrund. Passend zu diesem Thema warfen wir einen Blick in die Therapieabteilung 2.0, vorgestellt von unserer Kollegin Mirjam Bachmann, Hirslanden Klinik St. Anna Luzern, und unserem Kollegen David Bärtschi, Kantonsspital Luzern. Die Therapieabteilung wurde vor kurzem erst in Betrieb genommen und ist dementsprechend auf dem neuesten Stand.

Die Wirkung der Psyche

Ein anderer, weniger im Fokus stehender Aspekt der Kontrastmittelreaktionen ist die psychische Gesundheit des Patienten, insbesondere vor der eigentlichen Untersuchung. Furcht, Angst, psychologische Belastungen können als sogenannte Trigger für Kontrastmittelreaktionen wirken. Sie können vasovagale Reaktionen vor oder nach der Kontrastmittelgabe auslösen, bedingt durch die Stimulation des Nervus Vagus, und sind vom Patienten nicht kontrollierbar. Hier sind insbesondere Ärzte und Radiologiefachpersonen in der Verantwortung, da sie in der persönlichen Betreuung des Patienten dessen teils versteckten Ängste mindern können.

Wohin mit dem Abfall?

Der dritte Schwerpunkt der Fortbildung war dem Thema Abfall gewidmet; einem Thema, welches sich auf den ersten Blick nicht gerade in den Vordergrund des Interesses drängt. Klassifizierung und Entsorgung von radioaktivem Abfall sind detailliert in den verschiedenen Vorschriften geregelt und unterliegen den regelmäßigen Kontrollen der internen und externen Überwachungsinstanzen. Manchmal wird man aber regelrecht gezwungen, sich mit einem unliebsamen Thema auseinanderzusetzen. So wie es vor der flächendeckenden Einführung der neuen Therapiebehandlung für Prostatakarzinome mit Lu-177 PSMA in der Schweiz der Fall war. Im übrigen Europa war diese Behandlungsmethode bereits im Einsatz, die Schweiz befand sich damals noch in der Zulassungsentscheidungsphase. Zu dieser Zeit mussten mehrere Abteilungen der Schweiz unterschiedliche Erfahrungen mit dem plötzlichen Auftauchen von radioaktivem Abfall unbekannter Herkunft im gewerblichen Kehricht machen. In unserem Fall traf es unsere Kolleginnen mit voller Wucht und auch mit einer Spur Ironie des Lebens genau an Heiligabend, als sie einen bewegenden Anruf bekamen, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass es in ihrem Institut ein Abfallproblem gegeben hatte und radioaktiv belastetes Material in den Entsorgungskreislauf gelangt war. Was war beziehungsweise wie konnte das geschehen? Unsere Kollegin Bianca Gilly, Strahlenschutzsachverständige und Abteilungsleiterin, und Monika Casiero, Teamleitung Nuklearmedizin, Radiologie Klinik Hirslanden, wurden aufgrund ihrer Funktion als Strahlenschutzverantwortliche der Abteilung zusammen mit dem zuständigen Physiker in den Betrieb gerufen, um die Sachlage zu klären.

Als erste Maßnahmen wurden Strahlungsintensitätsmessungen und Nuklididentifikationsversuche mit anschließender Isolierung des strahlenden Abfalls durchgeführt. Im Zuge der Nachforschungen stellte sich heraus, dass der radioaktive Abfall nicht aus der Nuklearmedizin des Institutes stammte, sondern durch die Urologie entsorgt worden war. Ein Patient mit bekannter weit fortgeschrittener Prostatakarzinom-Erkrankung war in die Urologie eingeliefert worden. Die Verunreinigung konnte eindeutig ihm zugeordnet werden; es stellte sich nämlich heraus, dass er einige Tage vor seiner Einlieferung eine Lu177-PSMA-Behandlung in einem Schweizer Universitätsklinikum erhalten hatte, welche die unbemerkte Kontamination verursacht hatte. Glück im Unglück war zum einen, dass nachgewiesen werden konnte, dass der radioaktive Abfall nicht aus einem hauseigenen Labor stammte, und zum anderen, dass die Sicherungsmechanismen zur Verhinderung der Einleitung von radioaktivem Material in den Abfallkreislauf einwandfrei funktionierten. Vor diesem Hintergrund folgte an unserem Webinar ein Vortrag von Markus Zaugg, Leiter Abteilung Materialmanagement des Kehrichtheizkraftwerks Hagenholz, Zürich. Er stellte die städtische Abfallbeseitigung vor, was allen Teilnehmern einen vertieften Einblick in die Problematik der Entsorgung gewährte. Der radioaktive Abfall nimmt darin einen besonderen Stellenwert ein. Radioaktive Abfälle stammen nicht ausschließlich von AKWs, radiopharmakologischen Laboren oder aus der Strahlentherapie, sondern in großer Menge vor allem aus dem häuslichen Bereich. Die Klassiker sind Zifferblätter alter Uhren, alte Keramikfliesen mit speziellen aktiven Lasuren oder kleinere Gesteinsproben z. B. aus Sammlungen usw. Solche Gegenstände verunmöglichen eine einfache Abfallverbrennung zur Energierückgewinnung, da die radioaktiven Partikelgase in die Verbrennungsabgase gelangen würden und eine Inkorporation der Stadtbevölkerung nicht ausgeschlossen werden könnte. Abgeschlossen wurde das Thema Abfall durch einen Vortrag von Reto Linder vom BAG, der uns die rechtlichen Aspekte der Abfallbeseitigung und die Strategien zur Kontaminationsvermeidung darlegte. Alles in allem erwies sich unser Webinar als eine für uns neue, interessante Form einer Fortbildungsveranstaltung. Die Zukunft wird zeigen, welches Potenzial Webinare haben und welche Mischformen sich entwickeln und durchsetzen werden. Die Darbietungsformen von reinen Präsentationen bis zu interaktiven Einheiten werden bereits intensiv diskutiert, um die volle Leistungsfähigkeit von Online-Veranstaltungen zu erreichen und die Zuhörer mit in das Thema einzubinden. Zum Schluss noch ein kleiner Ausblick auf die kommende Fortbildungsveranstaltung der Nuklearmedizin am 6. November 2021: Wir werden einen Einblick geben in die Themen Labor und Radiopharmazie. Den zweiten Schwerpunkt bildet das Ganzkörper-PET/CT-System aus der Sicht der Radiologiefachpersonen und der Ärzte. Als Highlight des Tages verlassen wir unseren «NUK-Planeten» und begeben uns auf die Reise in den «Trabantenorbit».

Dieser Artikel wurde ursprünglich in der SVMTRA, Aktuel 3/2021, veröffentlicht. Autor: Ennio Müller